Es gibt gute Gründe für Therapie und Beratung selbst zu zahlen!

Immer wieder bekomme ich Anrufe von Menschen, die sich erkundigen, ob ich Kapazitäten habe, sie bei ihren Themen therapeutisch zu unterstützen. Wenn dann die Sprache darauf kommt, dass meine Leistungen nicht von der Krankenkasse erstattet werden, stellen viele fest, dass dies so für sie nicht infrage kommt. Viele Menschen sind einfach nicht bereit, für Psychotherapie oder andere Formen psychosozialer Beratung ins Portemonnaie zu greifen.

In gewisser Hinsicht kann ich das gut nachvollziehen, schließlich überweisen die meisten von uns monatlich erkleckliche Beträge an die gesetzlichen Krankenkassen. Zudem bieten viele Institutionen, meist mit kirchlichem Hintergrund, kostenlose Beratung zu unterschiedlichen Themen an.

Warum sollte man also für Psychotherapie und Beratung im Allgemeinen zusätzlich oder überhaupt etwas zahlen? Dafür gibt es tatsächlich einige gute Gründe, die ich im Folgenden erläutern möchte. Kurz gesagt geht es dabei um diese Themen:

  1. Kurzfristige Termine
  2. Mehr Zielorientierung und Verantwortung durch Ökonomisierung
  3. Erhöhte Flexibilität
  4. Sicherung von Anonymität

Kurzfristiger Beginn

Die Wartezeiten bei Therapeuten und Therapeutinnen mit Kassensitz reichen von drei bis zwölf Monaten, je nach individueller Nachfrage und regionalem Angebot. Das sich diese Wartezeit nicht immer positiv auf die Symptomatik auswirkt, versteht sich von selbst. Manchmal hört und liest man, dass sich durch lange Wartezeiten die Gefahr chronifizierter Verläufe erhöht. Menschen in schwierigen Lebenssituationen, mit drängenden Sorgen oder belastenden psychischen Symptomen, tun sich daher einen Gefallen, zeitnah die Unterstützung eines Experten in Anspruch zu nehmen.

Bei einem privat abrechnenden Therapeuten oder Berater ist es in der Regel möglich, kurzfristig mit unterstützenden Gesprächen zu beginnen.

Ökonomisierung

Jemanden für eine Dienstleistung direkt zu bezahlen, ändert die Beziehung zwischen dem Erbringer und dem Empfänger der Leistung.

Zielorientierung

Der Dienstleistungserbringer, hier also der Berater, muss sich an seiner professionellen Vorgehensweise und an den erzielten Ergebnissen messen lassen. Durch diese Ökonomisierung hat der Berater ein ernstes Interesse daran, sein Vorgehen so weit es geht an den Zielen seiner Kunden zu orientieren und so dabei zu helfen, möglichst schnell und nachhaltig Veränderungen in die gewünschte Richtung zu bewirken.

Eigenverantwortung

Selbstzahlung heißt, selbst Verantwortung zu übernehmen — und das ist schon der erste Schritt zur Heilung.

Erhard Doubrawa & Stefan Blankertz

Entsprechend der Redewendung “Was nichts kostet, ist auch nichts!” ändert sich auch die Einstellung des Kunden hinsichtlich der in Anspruch genommenen Dienstleistung. Indem Suchprozesse in Richtung auf gewünschte Ergebnisse ausgelöst werden, stärkt der Akt des Bezahlens die Eigenverantwortung des Kunden für den anstehenden Beratungsprozess. Denn wer Geld gibt, möchte auch für sich selbst das Beste rausholen. Dies wirkt sich im Allgemeinen positiv auf die gemeinsame Arbeit aus.

Flexibilität

Wer bereit ist, für die Inanspruchnahme von Therapie oder Beratung selber zu bezahlen, ist insbesondere bei der Wahl des Therapeuten oder der Therapeutin freier und kann somit flexibler agieren. Nebenbei stärkt auch dies seine Selbstverantwortung. Maßgebliche Vorteile für die Kunden sind:

  • größerer Pool an Therapeuten zur Auswahl,
  • freie Wahl des Therapieverfahrens, z.B. auch Systemische Therapie oder Gestalttherapie,
  • problemloser Wechsel des Therapeuten,
  • keine Anträge, kein Papierkram.

Aber auch die Therapeuten sind flexibler in der Gestaltung ihrer Arbeit, wenn sie nicht mit Krankenkassen abrechnen. So können freie Therapeuten und Therapeutinnen ihr Angebot optimal auf die Bedürfnisse Ihrer Kunden abstimmen:

  • Terminvergabe: auch abends oder am Wochenende
  • Setting: zielorientierter Wechsel zwischen der Arbeit mit Einzelnen, Paaren oder Familienangehörigen
  • Format: fließender Übergang zwischen Therapie, Beratung oder Mediation
  • Ort: Hausbesuche oder Gespräche im Freien möglich
  • Dauer: keine Mindestanzahl an Sitzungen, keine Notwendigkeit die Dauer einzelner Sitzungen auf 50 Minuten zu begrenzen

Anonymität

Wer privat zahlt, hinterlässt keine Spur mit psychiatrischen Diagnosen in den Archiven der Krankenkassen. Die Eintrittskarte für eine von den Krankenversicherungen übernommene Psychotherapie ist immer eine diagnostizierte psychische Störung. Keine Diagnose, keine Behandlung.

Diagnosen können jedoch neben Finanzierung der Therapie, noch andere Folgen haben. So kann sich eine “rezidivierende depressive Störung” ungünstig auf eine eventuell angestrebte Verbeamtung auswirken. Studierende, die ein Lehramt anstreben, können sich so leicht etwas verbauen. Auch wer plant, später in seinem Leben eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, sollte sich gut überlegen, ob es wirklich nötig ist, bei seiner Krankenkasse mit einer psychischen Störung aktenkundig zu werden.